Vorrede zur Verleihung des 5. Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugendtheaterpreises in Duisburg von Ralph Förg

 

Die deutschsprachigen Stücke der Produktionsjahre 2002/03

 Was sich schon im vergangenen Jahr abzuzeichnen begann, gewinnt nunmehr in diesem Jahr an Gewissheit: die deutschsprachigen Autoren, die für das Kinder- und Jugendtheater schreiben, bilden, alt und jung, eine beständige Gruppe hochliterarisch gebildeter Menschen, die sich jede und jeder auf seine Weise, den Anliegen der Kinder und den Anliegen Jugendlicher verpflichtet sehen.

Oder in aller Kürze: Deutschland, Österreich, die Schweiz, das deutschsprachige Belgien – vielleicht auch die Niederlade? -dürfen sich geehrt und glücklich fühlen, dass so viele gute Autorinnen und Autoren sich der Kunst des Kinder- und Jugendtheaters widmen.

Es liegen in diesem Produktionsjahr 2003 zahlreiche Stücke vor, die geeignet sind am Theater, am freien Theater, auf Tournee, bei den Landesbühnen und an den vierten Sparten der großen Häuser umgesetzt zu werden. Dies ist die gute Nachricht, die wir als Jury zu überbringen haben. Gefolgt von der noch besseren Nachricht: mit den der Jury vorgelegten 62 Stücke aus dem deutschsprachigen Raum offenbart sich, dass das Drama als Kunstsparte der Literatur hochaktuell seine Themen und Formen aufspürt, brisant die Wirklichkeit von Kindern und Jugendlichen nachvollzieht und tatsächlich in seinen Spielformen und den den Stücken innewohnenden dramaturgischen Konzepten absolut auf der Höhe der Zeit arbeitet.

 Meine persönliche Hochachtung den Autorinnen und Autoren. Sie meine Damen und Herren haben mir Stücke geschrieben, die von den erfreulichen wie bedrohlichen Lebensumständen, die Kinder und Jugendliche vorfinden, ein Liedchen vorzusingen wissen.

Um Ihnen einen Eindruck zu verschaffen: Theater handelt immer von Liebe, Lust und Leidenschaft, immer von Wut, Ärger, Zorn und Gewalt.

Was wir im Leben nicht sehen wollen, soll aber auf der Bühne plastisch werden: alle schwarzen Gefühle, Verrohung, Gewalt, Niedertracht, Intrige, Bösartigkeit, Mordlust – natürlich auch – aber dies sage ich jetzt nur, um Sie zu besänftigen: himmelhochjauchzendes Vergnügen, überschwängliche Sinnlichkeit und ein Glück!! Happy ends happy ends happy ends.

Wobei: durchaus nicht solche, die die jungen Zuschauer mit einer miesen Wirklichkeit zu versöhnen trachten. Sondern solche, die Ihnen Mut machen, Ihre Situation zu verbessern, sich den Tatsachen des Lebens zu stellen.

Wir alle wissen, dass Volker Ludwig das Theater als Mutmach-Einrichtung betrachtet. Er hat mit „Julius und die Geister“ ein Stück vorgelegt, und Autorinnen und Autoren wie Anja Tuckermann, „Paula Mittendrin“ oder auch die Duisburger Produktion „Kotzbrocken“ nur zum Beispiel, halten da locker mit. Aber nicht nur Scheidungsfolgen, Magersucht, Eifersucht tauchen auf dem Gesamt-Spielplan auf, die poetischeren Gegenparts des neorealistischen Theaters haben geschrieben wie die Teufel. Natürlich Waechter  „Salamander...“, aber auch junge, mittlerweile beständig arbeitende Leute wie Viviane Eisold  („Kleine Sonnige, großer Zorniger“ heißt ihr Stück) oder das Team vom Freien Theater Metronom mit seinem “Papiervogel“.

Wir haben vorgefunden und gelesen: Literaturadaptionen, Stücke die sich auf Prosa beziehen wie „Don Q“ von Andrea Cramer oder auf Theaterstücke wie “Othello“ von Ignace Cornelissen oder auf Filme wie eine Adaption des Films „Club der toten Dichter“ von Martin Maier-Bode.

Wir haben beim Lesen Abenteuerreisen, Märchen in alter und neuer Form wiedergefunden, so das bezaubernde „Märchen, Märchen“ von Karin Eppler oder das kunstfertige Stück „Gebrr und Grimm“ von Esther und Reiner Besel.

Und gleich zwei Autoren haben es geschafft topaktuell den Theatertrack nach Erfurt zu entwickeln: der Österreicher Martin Ohrt mit „Zero“ und Alexander Schmidts „Bild des Monsters“. Chapeau!

Die eingeweihten des Kinder- und Jugendtheaters, die diese Namen hören, werden sie kennen, die altbewährten Autoren und die jungen. Den nicht ganz so eingeweihten dürfen wir es sagen und offen aussprechen: dem Kinder und Jugendtheater, dem deutschsprachigen, fehlt es nicht mehr an Nachwuchsautoren und nicht an in sehr hoher Qualität schreibenden Menschen. Das schönste: die Namen der jungen Autoren tauchen auch immer wieder auf, seit Jahren. Und dies ist ein guter Beleg dafür, dass es eine Kontinuität des künstlerischen Schaffens gibt.

Das macht die Arbeit als Jury leichter: weil sich gute Stücke nun einmal lustvoller und leichter lesen lassen, das ist so: ein gutes Stück übt schon beim Lesen einen gewissen Sog hinein in das Bühnenleben, das vorgestellte, aus, ein schlechtes Stück verleitet zu Ärger und zum Weglegen desselben.

Die Fülle der guten Stücke bringt es aber mit sich, und dies ist für die Autorinnen und Autoren bedauerlich, dass sie sich in illustrer Umgebung bewähren müssen und schwerer einen Preis abkriegen.

Was nach allem positiv zu vermerken ist: die Autorenförderung im deutschsprachigen Kinder- und Jugendtheater greift. Dank der Arbeit des Kinder und Jugendtheaterzentrums, der wir den Werkstattpreis verdanken aber auch dank des Beitrags, den die Duisburger Kinder und Jugendtheaterpreise und der Stückepool als Beitrag zur Förderung der Kunst und zur Förderung der Künstler leisten durften.

Und hoffentlich weiterhin werden leisten können dürfen.

Cause when childhood gets tough – wer wollte daran zweifeln – ist Phantasie und Mut und Literarizität um so dringender vonnöten.