Preisträger

21. Niederländisch-deutscher Kinder- und Jugenddramatikerpreis in Duisburg 2019

 
von links nach rechts: Helmut Hensen (Festivalleiter), Renate Frisch (Jury), Rob Vriens (Jury), 
Bürgermeister Volker Mosblech, Silvia Andringa (Jury), Manuel Moser (Jury), Chiara Tissen (Jury)

Im Rahmen des Festivals „Kaas & Kappes“ wurden am Sonntag, 17.02.2019, im Duisburger Kinder- und Jugendtheater KOM’MA die Preisträger des 20. niederländisch-deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreises bekannt gegeben.

Bürgermeister Volker Mosblech überreichte die Preise im Gesamtwert von 7.500 EUR für drei Theaterstücke.

Von den 107 Texten, die in diesem Jahr aus fünf verschiedenen Ländern (Deutschland (88), den Niederlanden (6), Belgien (5), Österreich (7) und der Schweiz (1) ) am Wettbewerb teilnahmen, wählte die vierköpfige Jury, bestehend aus Chiara Tissen (NL), Silvia Andringa (NL), Renate Frisch (D), Rob Vriens (NL) und Manuel Moser (D), folgende Preisträger aus:

 

Jan Sobrie, Raven Ruëll (B)

für das Stück 

"Woestzoeker"

3.500 €  

Anne Lepper (D)

für das Stück

"MAXIM"

2.000 €  

Karsten Laske (D)

für das Stück  

„DlE DREI GLEICHEN“

2.000 €

 

Neben den Preisträgern empfiehlt die Jury folgende Texte und hat sie in den Stückepool aufgenommen: 

 

Freek Mariën, Carl von Winckelmann (B)           mit dem Stück              “Het puin van Eden”

Danielle Wagenaar (NL)                                   mit dem Stück              “Fat boys”

Jibbe Willems (NL)                                           mit dem Stück              “De Vrekkin”

Charlotte Luise Fechner (D)                              mit dem Stück              “Heldenzentrale”

Daniel Ratthei (D)                                             mit dem Stück              “WERTHER IN LOVE”

Esther de Koning (NL)                                      mit dem Stück              “Ping”

 

Informationen über die Jurymitglieder 2019:

Silvia Andringa (NL) – Freie Regisseurin, Leiterin „De Jonge Republiek“ in Amsterdam

Chiara Tissen (NL) – Autorin und Schauspielerin

Renate Frisch (D) – Mitbegründerin des KOM’MA-Theaters, Regisseurin - Duisburg

Rob Vriens (NL) – Regisseur im Kinder- und Jugendtheater, seit 2005 Hausregisseur am Theaterhaus Frankfurt

Manuel Moser (D) – Autor und Schauspieler

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

hier die Begründungen der Jury:

 

Woestzoeker  (Wilde-Sucher)         von Jan Sobrie und Raven Ruëll   (8+)

„Willkommen im Club. Im ‚Du sitzt in der Scheiße-Club‘.“ So begrüßt Sammy den neuen Jungen Ebenezer auf der Straße in einem  düsteren Wohnviertel. Sammy und Ebenezer kennen einander ‚vom Sehen’ aus der Schule. Ebenezer ist klug und kommt aus einer Bildungs-Familie; Sammy ist rau, lebhaft und hat Probleme mit dem  Lernen und dem Sozialverhalten. Aber sie ist ehrlich: ‚Du bist komisch und ich bin dick‘. In hohem Tempo freunden die beiden sich an.  Ebenezer war gezwungen, mit seinen Eltern in das armselige Hochhaus umzuziehen, wo Sammy auch wohnt. ‚Es ist nur für eine kurze Zeit‘ hat sein Vater gesagt, aber darüber lacht Sammy. ‚Das hat mein Vater auch gesagt‘.

Die zwei Kinder erzählen einander ihre Geschichte: Eltern mit immer mehr Problemen, Entlassung, Zahlungs-Aufforderungen, Krach und Tränen, und irgendwann wurde alles kleiner und kleiner. In Ebenezers Leben ging es abwärts: von Luxus und Komfort schrumpfte seine Welt zusammen, bis er keine Luft mehr bekam. Dies wird im Stück sehr anschaulich beschrieben, weil die Eltern im Verlauf ihres Deprivationsprozesses in den Augen des Kindes wörtlich schrumpfen, bis sie fast unsichtbar geworden sind. „Wir verstehen es auch nicht. Aber bei jedem Umschlag, den wir öffnen, schrumpfen wir ein bisschen…“ Miete, Elektrizität, Telefon, Wasser… alles wird zu teuer.

In klaren Bildern erzählt auch Sammy ihre Lebensgeschichte. Wie ihr Vater seinen Job verlor, ihre Mutter starb und dass sie nicht versteht, warum alles so geht, wie es geht. Sammy lebt mit einem Papa, der trinkt und von sich selbst sagt: ‚Ich existiere nicht mehr‘. Ein einsames Leben, das sie mit viel Energie und selbstgeschriebener Poesie zu bekämpfen versucht.

Als klar wird, dass Sammy und Ebenezer nicht mit auf die Klassenfahrt, die „Ski-Woche“ kommen dürfen, weil die Eltern die Kosten nicht tragen können, reagieren die Kinder zunächst mit Schmerz und Wut. Aber dann fassen sie den Entschluss, von nun an in der Schule nicht mehr zu sprechen. Das zeigt sich als ein effektives Machtmittel in der Klasse. Als aber ein Gedicht von Sammy vom Lehrer öffentlich verlesen und lächerlich gemacht wird, bricht sie ihr Schweigen und schreit ihren Schmerz heraus: Sie zählt auf, was sie alles im Leben vermissen muss, weil „wir es nicht bezahlen können“. Ebenezer entdeckt erst jetzt, dass Sammy in Wirklichkeit nicht im Hochhaus, sondern mit ihrem Vater in einem Auto lebt; die Wohnung, in der er mittlerweile mit seinen Eltern wohnt, mussten Sammy und ihr Papa räumen, weil sie die Miete nicht mehr bezahlen konnten.

Dennoch: Die Kinder sind Freunde fürs Leben; sie ziehen einander durch alle Probleme, obwohl es schmerzhaft klar ist, dass sie keine wirklichen Antworten auf die Herausforderungen dieses Daseins haben, dass sie keinen Halt finden in der Abwärts-Spirale, in der sie gefangen sind. Trotzdem scheint der Text zu sagen: Kämpfen hat schon Sinn! Und das machen sie auch. Sammy und Ebenezer sind beeindruckend und anrührend in ihrer ‚wilden Suche‘ (hun woeste zoeken) zu überleben.

Woestzoeker ist wieder ein origineller Theatertext vom Autoren-Duo Sobrie und Ruëll,  das 2015  erfolgreich ‚Bekdichtzitstil‘ herausbrachte. Mit diesem Text Woestzoeker treffen sie erneut ein großes Thema: die wachsende Armut in Familien und wie dies das Leben der Kinder beeinflusst. Ein sozial-realistisches Thema, mit der Schule als schmerzvolle, kalte Umgebung, die soziale Ungleichheit verfestigt oder sogar vergrößert. Die Themen Armut, Klassenbildung und Ausgrenzung sind sehr stark sichtbar und spürbar gemacht, ohne sie zu platt zu benennen. Der emotionale und humorvolle Text ist nicht nur ‚aus dem Leben gegriffen‘, er lädt den Leser auch ein, im magischen Denken der beiden Kinder mit zu gehen. Die Probleme sind komplex und tun weh; sie führen zum Nachdenken über Kinder in der eigenen Umgebung.

Die Sprache von Sobrie und Ruëll ist grotesk und theatral. Manchmal poetisch und in fantasiereiche Bilder gefasst, dann wieder direkt und alltäglich. Die Jury war gerührt von diesem Text, meint dass das Thema Armut hier echt dargestellt, erzählt und aufgebrochen wird und prägnant mitten in der Aktualität steht. Wichtig für ein junges Publikum aber sicher auch für Erwachsene. Ein beeindruckender Text, der es verdient, ins Deutsche übersetzt zu werden, und der hoffentlich sehr viel gespielt wird!


MAXIM          von Anne Lepper               (9+)

Im Leben von Max läuft aktuell so einiges schief. Sein Umfeld lässt ihn nicht sein, wie er ist, seine ehemaligen Freunde verändern sich und plötzlich steht er als Außenseiter da. Er wird gehänselt, unter Druck gesetzt, ja sogar körperlich misshandelt. Gemeinsam mit der dicken Mary-Lou, Hund und Bär haut er von zu Hause ab, immer auf der Suche nach einem Ort zum Glücklichsein. Zuerst geht es zum Mond. Dort leben die Mondelfen, die zwar keine Gesetze, keine Regierung und keine Erwachsenen kennen, aber die Mondpolizei lässt niemanden einfach so sein, wie er sein will, sogar schlachten wollen sie Max und seine Freunde.

Erneut fliehen die Vier und suchen einen Ort, wo sie endlich sie selbst sein dürfen.  Auf der Sonne ergeht es ihnen auch nicht besser, und die Sonne selber schmeißt sie raus. Zu unangepasst und eigensinnig scheinen ihr diese zwei Kinder mit ihren tierischen Begleitern.

Anne Lepper schickt ihre Protagonisten auf eine fantastische Reise an unglaubliche Orte, immer auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Sprachlich schafft sie ein Meisterwerk, das von Anfang an auch durch die Formulierungen vermittelt, dass Max noch nicht bei sich selbst angekommen ist. Die Figuren, denen er begegnet, sprechen eine komplizierte und irgendwie auch feindselige Sprache.

Schon beim Lesen fragt man sich, wie und was die Kinder im Publikum davon wohl verstehen werden. Aber schnell wird einem klar, dass die Autorin die Figuren nur so mit Max sprechen lässt, sie nur die Sprache benutzen lässt, die Kindern in Gestalt von uns Erwachsenen täglich begegnet.

Die Helden der Geschichte suchen ihre eigene Identität, ihren Platz in der Gesellschaft und in ihrem Umfeld und kommen gestärkt von der Reise zurück. Die Autorin gibt uns als Zuschauern nicht nur die Möglichkeit uns mit Max, Mary-Lou oder auch Hund und Bär und ihren jeweiligen Meinungen zu identifizieren, sie lädt den Zuschauer geradezu ein sich zu positionieren.  Was ist normal? Wo passe ich mich an? Wo gehöre ich als Zuschauer zu der gesellschaftlichen Riesenmaschine, von der die Jungen Max erzählen.

Musikalisch/Textliche Zitate von den Beatles bis Trude Herr, von Kraftwerk bis Adorno runden das Gesamtwerk ab und machen es für Erwachsene unmöglich sich zu distanzieren. Ist das wirklich Kindertheater? Oder ist es einfach ein dadaistisches Werk für kunstaffine Menschen? Die Autorin erschafft Bilder in den Köpfen und regt die szenische Fantasie an. Man möchte dieses Stück auf der Bühne sehen.

'Ich bin was ich bin' sagt Max zu den Jungen am Anfang des Stückes. ' Wir begeben uns jetzt in eine andere Welt und sicherlich wird es endlich jene sein, in der alles gut ist' sagt er am Ende desselben Stückes. Die Reise, sie scheint nie zu enden, aber eines ist sicher, und mit dieser Erkenntnis lassen wir die Figuren gerne weiterziehen: Together we will go our way!

Die drei Gleichen      von Karsten Laske   (4+)

AIS und CESES freuen sich: Sie sind genau gleich! Und weil sie das so schön finden, erzählen sie dem jungen Publikum auch gleich noch mal, wie sie sich kennen gelernt haben: Sie wollten beide am gleichen Ort Tomaten verkaufen und haben festgestellt, dass sie sich an Händen, Füßen, Haaren und Augen genau gleichen! Toll! Das war Grund genug, um zusammen genau die  gleichen Dinge zu tun.

Als sie das gerade ausprobieren, kommt MISTER B vorbei und bekommt sofort Lust mitzumachen, denn er ist auf der Suche nach einem Freund und stellt fest, dass er sehr gut zu den beiden passen würde. Nach kurzer Bedenkzeit  willigen sie ein, dass er  als Dritter die Gruppe der Gleichen ergänzen darf. Und da sie mit der Zeit herausfinden, dass es langweilig wird, immer genau das Gleiche zu tun, erlauben sie sich sogar ein paar  Variationen und beteuern dennoch ihre unverbrüchliche Freundschaft. Soweit – so gut.

Mitten in diese Freundschafts-Harmonie platzt ein „faszinierend-unbekannt-spektakulär sonderbares, nie zuvor gesehenes Wesen“: Das Zauberische Zong, und das ist kein bisschen gleich sondern komplett anders. Misstrauisch und mit größter Vorsicht wird es in Augenschein genommen. Vielleicht ist es gefährlich, anders, unheimlich, eine „fangfrische flaschenpostflunder“ oder gar „malaria“? Man weiß ja nichts über dieses Ding, „woher es kommt“, „auf welchem Weg“ und „wieso zu uns“???      Dem aufgeklärten Leser kommen diese Warnungen äußerst bekannt vor!  Umso erleichterter kann er sein, als nach und nach erwogen wird, ob es sich bei dem Neuankömmling nicht ebenso gut um ein „Geschenk“ oder eine „Überraschung“ handeln kann.

Um auch den besonders misstrauischen CESES von dieser Möglichkeit zu überzeugen, beginnen AIS und MISTER B, den Neuling mittels ihrer Accessoires dem eigenen Bild anzugleichen: Sie staffieren ihn mit ihrem Kopfschmuck und Teilen ihrer Kostüme aus, wodurch allerdings ihre eigene Uniformität leidet und die Gleichheit verlorengeht. Aber der Spaß an der eigenen Individualität nimmt zu. Und obwohl das Wesen die geschenkten Dinge wieder abschüttelt und es selbst bleibt, kommen die drei Freunde zu der Einsicht, dass dieses Ding lustig ist und dass man es gern haben kann. „Also gut, soll es bleiben wie es ist, denn es ist wirklich schön, es tickt eben anders, hupt und pupt anders als wir, aber ich habe keine Angst mehr“ schlussfolgert MISTER B. Singend und tanzend werden so aus den ehemals DREI GLEICHEN vier unterschiedliche Freunde.

Der Text erscheint schon beim bloßen Lesen mittels seiner Sprachrhythmik wie ein flottes Musikstück, das einen automatisch zum Mitschwingen einlädt. So wird der Inhalt, die Aufforderung zum „Mitmachen“, optimal in künstlerische Form umgesetzt und die Mitspielaktionen fügen sich sinnvoll und organisch in die Entwicklung der Geschichte. Die clowneske Spielweise der Figuren tut ein Übriges, um alle Mitglieder der Jury unabhängig voneinander betonen zu lassen: Diesen Text zu inszenieren würde sicher großen Spaß machen!

Dem Autor ist hier ein Lehrstück zum Thema Integration für die Allerkleinsten gelungen, das diesen vielschichtigen Prozess ganz ohne Anstrengung anschaulich vorführt:  Sowohl die Freude am Gleichsein als auch die Angst vor dem Fremden werden sinnfällig. Am Ende siegt ganz praktisch die Einsicht in die Bereicherung, weil’s viel mehr Spaß macht, vielfältig zu sein als einfältig zu bleiben.

 

Bei Rückfragen wenden Sie sich bitte an die Festivalleitung (Helmuth Hensen), Tel.: 0203.283-8485 oder –8486, info@kaasundkappes.de

 

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