Neben den Preisträgern 2019 empfiehlt die Jury folgende Texte und hat sie in den Stückepool aufgenommen: 

  

Freek Mariën, Carl von Winckelmann (B)           mit dem Stück              “Het puin van Eden”

Danielle Wagenaar (NL)                                   mit dem Stück              “Fat boys”

Jibbe Willems (NL)                                           mit dem Stück              “De Vrekkin”

Charlotte Luise Fechner (D)                              mit dem Stück              “Heldenzentrale”

Daniel Ratthei (D)                                             mit dem Stück              “WERTHER IN LOVE”

Esther de Koning (NL)                                      mit dem Stück              “Ping”

 

WERTHER IN LOVE          von Daniel Ratthei  (D)                                                    14+

'Er ernährt sich vegan. Er trinkt keinen Alkohol. Er hasst bestimmte Musikrichtungen. Er verabscheut Leute seines Alters. Er liest. Er tut so, als könnte er malen. Einen Joint raucht er ab und zu, Sport treibt er nicht. Er hat moralische Grundsätze, die er aber selber nicht definieren könnte. Kurzum: Er ist total durchgeknallt.' So beschreibt Wilhelm seinen besten Freund Werther in Daniel Rattheis Theaterfassung von Goethes weltberühmtem Briefroman. Als dieser Werther schließlich auf Lotte trifft, verliebt er sich unsterblich in sie. Doch Lotte ist vergeben und ihr Freund Albert auch noch irgendwie nett. Dem Autor gelingt es, nicht einfach nur eine Modernisierung eines Klassikers zu Papier zu bringen, sondern sie vielmehr zu einem hochaktuellen Stück zu machen. Er schafft mit Lotte, Werther und Wilhelm moderne junge Menschen und damit Projektionsflächen für ein junges Publikum, das in den sozialen Medien genauso zuhause ist wie in der analogen Welt.

Ratthei benutzt Jugendsprache als Kunstform, nicht um sich bei den jugendlichen Zuschauern anzubiedern, sondern weil sein Werther halt so spricht, und mixt sie kunstvoll mit den Originalfragmenten von Goethe. Insgesamt entsteht so ein neuer, nie da gewesener Werther, der schon beim Lesen Lust auf Theater macht.

 

Heldenzentrale                   von Charlotte Luise Fechner  (D)                                 8+

Brumm Brumm Töff Quiiiiiiietsch Tschong!!!!  In dem Stück Heldenzentrale  geht es nicht nur in mehreren Sprachen- wahlweise darf in der Familie von Galip Türkisch oder anders Ausländisch gesprochen werden – sondern vor allem auch lautmalerisch zur Sache, wenn der Zuschauer Olivia und Galip an 5 aufeinander folgenden Tagen im Schulbus begleitet.  Bäm Wummmms!!!! Wir erleben die beiden Protagonisten zusammen mit dem passionierten Busfahrer bei ihren inneren Monologen zu ihren alltäglichen Problemen unter der geräuschvollen Kulisse u.a. deutscher Schlager aus dem Bus-Radio, und könnte Olivia nicht dank ihrer Superheldinnenkräfte die Umgebung muten, wäre es sehr anstrengend, zum Kern ihrer Gedanken vorzudringen. So entsteht aber ein temporeicher, lebendiger  und sehr unterhaltsamer Text um die Visionen von 11-12jährigen Kindern zu den Fragen, was Gutes-Tun eigentlich bedeutet und was tatsächlich heutzutage zum Heldentum gehört… Und ganz nebenbei wird auf anrührende Weise ein Dank an alle Alltagshelden  (einschließlich nette Eltern, Nachbarn oder Lehrer) artikuliert, die durch ihr Verhalten das Leben lebenswert machen.

 

De Vrekkin  (Die Geizige)            von Jibbe Willems (NL)                                      8+

Molieres Stück der Geizige wird von Jibbe Willems radikal in unsere Zeit versetzt:  Alle Geschlechterrollen und herkömmliche Vorstellungen werden ins Gegenteil verkehrt. Die geldgierige Mutter von zwei fast erwachsenen Kindern will, um jung zu bleiben, den schönen Ramses heiraten, der aber von ihrem romantischen Sohn geliebt wird. Ihre Tochter ist eine kluge junge Frau, die sich sowohl den Plänen der berechnenden Mutter als auch der Werbung ihres Verlobten widersetzt. Der geschiedene Vater ist kein richtiger Vater mehr, sondern gerade im Transformationsprozess, um Frau zu werden. Die Mutter beutet ihre Angestellte radikal aus, diese ist ihr aber dennoch treu ergeben. Von der besten Freundin wird die Geizige dagegen ausgenutzt, so wie sie selbst auch versucht, andere für ihren Gewinn zu betrügen… Bei all diesen sehr komischen Überspitzungen bleibt die Struktur von Molieres Stück erhalten. Die Geizige ist somit eine heitere Komödie, die unsere heutige Konsumgesellschaft und unsere Habgier auf unterhaltsame Art und Weise kritisiert.

 

Het puin van Eden  (Die Trümmer von Eden)  von  Freek Mariën & Carl von Winckelmann  (B)                                                                                                           11+

Ein kaleidoskopisch gestalteter subtiler Theatertext für zwei Schauspieler: Martha und Lukas spielen, als würden sie dem Publikum ihre Jugendfreundschaft von vor zwanzig Jahren vorführen. Das Spiel-Prinzip „War es wirklich so oder anders?“ wird etabliert, indem die verschiedenen Perspektiven in raschem Wechsel spielerisch gegeneinander behauptet werden. Martha und Lukas erzählen so, wie sie ihren familiären Verhältnissen entflohen sind, indem sie sich immer auf ihrem Hügel in der Nachbarschaft getroffen haben; dort folgen sie vor allem Marthas Phantasie und leben in einer eigenen Welt. Alles wird anders, als sie die Schule wechseln und Lukas Martha an neue Freunde verrät, weil er sich für sie schämt. Im aktuellen Spiel um die Rekonstruktion ihrer Vergangenheit widerholt sich der Verrat und offenbart Marthas Kränkung von damals als realistisch. Ein raffiniertes Konstrukt zur Beleuchtung von subjektiver Wahrnehmung, Illusion und Wirklichkeit am Beispiel des existentiell wichtigen Phänomens der Freundschaft.

 

Ping                           von Esther de Koning  (NL)                                                      8+                            

In dem Solo Ping, (die so genannt werden will, weil die Mikrowelle sie öfter ruft als ihre eigenen Eltern das tun) erzählt Esther de Koning heiter und leichtfüßig die herzergreifende Geschichte eines 11-jährigen Mädchens.  Ping musste sich eigentlich selbst erziehen, weil ihr nicht sehr lebenstüchtiger Vater und ihre jetzt in Übersee neu liierte Mutter schon immer zu viel mit sich selbst beschäftigt waren. Während sie sehr anschaulich alle Rollen spielt (auch ihre Großeltern, Onkel Franz und ihren Stiefvater, den Mexikaner José) schimmert zwischen den witzigen phantasievoll ausgeschmückten und knallharten Geschichten aus ihrem alltäglichen Leben immer wieder auch die Tragik des einsamen Kindes durch. Aber niemand, nein niemand kriegt sie unter. Ping wird überleben, und wie!

 

Fat Boys                   von Danielle Wagenaar  (NL)                                                    8+

In Fat Boys führt die Autorin lustvoll die Unangepasstheit von jungen Menschen vor, indem sie sich in die Perspektive des Protagonisten versetzt. Thomas ist ein ADHS-Kind und wird von seinem Lehrer hier im Theater “geparkt”, weil er wegen seines herausfordernden Verhaltens nicht mit auf den Schulausflug darf. Theatergucken ist also indirekt  die Strafe für die Andersartigkeit des Kindes. Thomas nutzt die Auszeit, dem Publikum von sich zu erzählen. In scharfen, schnellen und over-the-top Mono- und Dialogen skizziert Wagenaar ein aberwitziges, manchmal erschreckendes Bild von Kindern, die durch ihr ‘Unangepasstsein’ zu Outcasts werden; aber durch die Erzählperspektive wird der Zuschauer empathisch berührt. Denn wenn wir näher dran sind, hat alles einen Grund. Eine fette Parodie mit Herz!